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Burgdorf – Eine Altstadt wird wachgeküsst

«Burgdorf – dynamisch unterwegs» heisst das Motto des Gemeinderats für die nächsten vier Jahre. Doch die 16'000-Einwohner-Stadt am Eingang zum Emmental ist schon länger aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht – dank zahlreicher innovativer Ideen.

«Es gibt einen deutlichen Aufwärtstrend hier in Burgdorf», sagt Christoph Schafroth, «die Talsohle liegt definitiv hinter uns.» Der junge Vater meint damit, dass die Leerstände in der Burgdorfer Altstadt beinahe komplett verschwunden sind und dass mit neuen Ideen und Konzepten vermehrt Leben Einzug gehalten hat. Er selber eröffnet zusammen mit Freunden diesen Herbst den Co-Working-Space «Fuchs & Specht». Erfreut hat er festgestellt, dass die Idee auf fruchtbaren Boden stösst, «und zwar bei Leuten von 22 bis 72.» Die vom Verein «Pro Burgdorf» unterstützte Belebung der Altstadt habe auch dank Umdenken funktioniert: «Man muss nicht die grossen Einkaufszentren konkurrenzieren, sondern den Lädeli- und Märitgroove fördern!»

Wir machen die Probe aufs Exempel und wollen in Burgdorf Eigenwilliges, Exklusives und Neues aufspüren. Beim Bahnhof marschieren wir los. Schon nach fünf Minuten lockt uns ein geheimnisvoller Eingang an: ein altes Gebäude, mit Pflanzen umrankt, überschrieben mit «Kleines Theater», darunter «Cinema Palace». Im Innenraum liegen Stifte, Scheren und Briefbogen aus. Zwischen roten Samtvorhängen stehen Schulrucksäcke, von der Balustrade und an der Decke hängen Hunderte von Regenschirmen: Die Papeterie Brodmann hat sich zusammen mit «Ritas Schirmwelt» hier eingemietet. Erbaut wurde das Haus als Theater, später zog ein Kino ein. «In meiner Jugend schaute ich hier Filme, heute empfange ich in diesen Räumen Kunden», erzählt die Verkäuferin. Auf das aussergewöhnliche Interieur wird sie von Besuchern immer angesprochen.

Feinkost, Museum und Brauerei

Nur wenige Meter weiter stossen wir auf die zweite Trouvaille: ein Schaufenster voller Gläser und Flaschen mit der weiss geschwungenen Aufschrift «Lavanda». Unsere Neugierde ist geweckt.Drinnen empfängt uns Barbara Blaser. Sie schiebt ihre kleine Tochter Jelena in einem Laufgitter auf Rädern in die Ecke und erklärt ihr Konzept: «Wir wollten Leckereien aus der Region, aber auch aus Italien und Spanien zusammentragen.» Nachdem sie zusammen mit Geschäftspartnerin Azra Dugumovic vor fünf Jahren als Online-Shop gestartet ist, sind die beiden seit nunmehr zweieinhalb Jahren in der Unterstadt von Burgdorf auch offline präsent. «Am liebsten verkaufen wir natürlich lokale Produkte wie Burgdorfer Kaffee, Whiskey oder Bier», betont sie. Wir verschieben das Angebot einer Degustation schweren Herzens auf einen anderen Termin, da wir heute noch viel vorhaben.

Kaum haben wir das Museum Franz Gertsch mit seiner faszinierenden Betonarchitektur passiert, entdecken wir auch schon, wo das inzwischen ziemlich renommierte Burgdorfer Bier gebraut wird. Seit 2013 steht die Gasthausbrauerei von «Ämme», «Schlossbier» und Co. im Kornhaus mitten in der Stadt. Und das «Burgdorfer» bleibt in der Region: Ausgeliefert wird der grösste Teil in einem Umkreis von 50 Kilometern. Im Logo des Biers leuchtet schwarz auf gelb das Schloss. Auch das bekannteste Gebäude der Emmenstadt steht symbolisch für den Wandel: Momentan wird das Schlossmuseum erneuert und ein Teil des Gebäudes zur Jugendherberge mit Restaurant umgebaut.

Burgdorferli in Australien

Mühle, Kornhaus, Schlachthaus – das Gewerbe Burgdorfs war schon früher hier in der Unterstadt am Dorfbach versammelt, um die Oberstadt zu versorgen. Nun stechen wir durch die Metzgergasse hoch in die etwas engeren Gassen, die von schön verzierten Sandsteinfassaden gesäumt sind. Gleich zwei Traditionsbetriebe erwarten uns hier: zum einen das Stadthaus, auch «Rütli des Kantons Bern» genannt, da hier 1883 die erste demokratische Verfassung des Kantons Bern entworfen wurde. Heute ist der altehrwürdige Bau ein Hotel mit Restaurant (siehe Gastrotipp). Zum anderen erwartet uns die Confiserie Widmer – denn jetzt ist Zeit für eine Kaffeepause.

An den kleinen Tischen unter den Lauben klappern die Teetassen und Dessertgabeln. Wir betreten den Verkaufsraum aus den 1920er-Jahren. Die «Burgdorferli» sollen wir unbedingt probieren, empfiehlt Besitzer und Confiseur Jürg Rentsch: ein «Stückli» aus einem Japonais-Teig, umgeben von zwei verschiedenen Schichten Praliné. Die backe er noch heute nach dem Originalrezept des «alten Nadelhofer», der das Geschäft dazumal gegründet habe. Dieses Angebot können wir nicht ausschlagen. Während wir uns die Süssigkeit auf der Zunge zergehen lassen, erzählt Rentsch Anekdoten von früher. Der alte Patron sei ein Pionier gewesen: «Er hat etwa eine Schachtel mit Burgdorferli an eine imaginäre Adresse nach Australien geschickt – nur um zu sehen, wie sie die Reise überstehen.» Und er habe schon früh erkannt, dass sein Rezept wertvoll sei und auch von Mitarbeitenden ausgeplaudert werden könnte. «Anstelle von herkömmlichen Gewichten liess er die Zutaten deshalb mit Emmensteinen abwägen – so konnte sich niemand die Mengen merken», erklärt der heutige Besitzer und lacht.

Nicht motzen, sondern anpacken

Über den Kronenplatz schlendern wir in die Schmiedengasse. Gartenstühle und farbige Möbel locken uns in den «OX Hülle & Fülle». Mitbesitzerin Jolanda Stucki erzählt uns, wie es zur Eröffnung vor einem Jahr kam: «Mein Mann und ich kamen auf unseren Spaziergängen immer an diesem schäbigen Brocki vorbei und beschwerten uns darüber.» Als das Ladenlokal dann frei wurde, hätten sie sich einen Ruck gegeben und sich beworben: «Man kann nicht nur reklamieren, sondern muss auch selber anpacken. » Couleurs, Mode, Intérieur: Farbberatungen, Kleider und Deko-Gegenstände werden hier angeboten. Neben ihrem Geschäft empfiehlt die neu hierhergezogene Stadtbernerin einen Bioladen, ein Taschengeschäft und eine Floristin, die alle in den letzten zwei Jahren eröffnet haben. «Es tut sich tatsächlich etwas in Burgdorf – ich bin fast ein wenig verliebt in die Stadt», fügt sie lächelnd an.

Zum Schluss kehren wir ein in der Café-Bar OSO. Olivia Mathys serviert uns einen hausgemachten Eistee. Sie ist auf einem Bauernhof in der Region aufgewachsen und nach der Lehre weggezogen. Jetzt hat sie das Lokal zusammen mit ihrem Freund übernommen. Auch sie findet: «Ich hätte nie geglaubt, dass ich nach Burgdorf zurückkehre, doch mittlerweile gefällt es mir hier sehr.» Mit vielen lebendigen Eindrücken verabschieden wir uns von der Altstadt und spazieren der Emme entlang zurück zum Bahnhof.

 

Text: Mia Hofmann
Bilder: Anita Vozza

Video

Filmbeitrag mit weiteren Tipps zu Burgdorf

Bahnhof Burgdorf

Aussteigen möglich seit: 12.6.1857. Täglich 131 Gelegenheiten mit der Bahn, 352 mit dem Bus
Kanton: Bern
Höhe über Meer: 533,0 m
Nächste Anschlüsse: Wanderwege, Velorouten, Mobility
Nachtnetz: ja (moonliner.ch)
Aussteigen mit dem Rollstuhl: ja, selbständig möglich
Persönliche Beratung: Ja

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