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Bern Brünnen: Zwischen Hochhaus und Badeoase

Bern-Brünnen ist geprägt von Gegensätzen: Hochhäuser aus den 60er-Jahren stossen direkt an luxuriöse Neubausiedlungen, hinter dem Einkaufszentrum Westside liegen Blumenwiesen. Ein Rundgang an der westlichen Stadtgrenze von Bern.

«Bring bitte noch Maizena!» Die Frau steht auf dem Balkon und winkt ihrer Tochter mit der gelb-weissen Packung nach. «Mach ich!», ruft diese zurück und grüsst uns freundlich im Vorbeigehen. Wir stehen am Eingang der Siedlung Gäbelbach. Um uns ragen die Hochhäuser in den Himmel, dazwischen liegt das Pyramiden-Dach des Quartierzentrums, es riecht nach Chlor aus dem nahe gelegenen Hallenbad. Grau dominiert, dazu kommen braune Dachziegel, orange Sonnenstoren, Italien-, Spanien- und Schweiz-Flaggen. Noch vor zehn Minuten standen wir vor dem 2008 eröffneten Bernaqua im von Stararchitekt Daniel Libeskind entworfenen Shopping- und Erlebniscenter Westside. Hier verschmelzen Welten.

Sechs Minuten hat die S-Bahn-Fahrt vom Hauptbahnhof Bern nach «Bern Brünnen Westside» gedauert. Vom Perron schweift der Blick über das neu entstandene Quartier: rostrote und graue Wohngebäude mit grossen Glasfenstern, breiten Balkonen. Daran anschliessend das modern kubische Einkaufscenter mit seinen eigenwilligen Glasstreifen-Fenstern, eingefasst in Robinienholz.

Eine ÖV-Erfolgsstory

Gleich unter der Treppe zum autofreien Gilberte-de-Courgenay-Platz sind Fahrräder angekettet. Daneben befinden sich zwei Spuren fürs Tram Richtung Saali, eine zusätzliche für den Bus nach Mühleberg. «Der öV ist für den Entwicklungsschwerpunkt Bern-Brünnen essenziell», sagt Christian Aebi, Co-Vorsteher des Amts für öffentlichen Verkehr und Verkehrskoordination des Kantons Bern. «Die Überlegungen zur Feinerschliessung mit Bahn, Tram und Bus sind hier vorbildlich umgesetzt worden.» Rund 30 Prozent der Westside-Besucher reisen heute mit dem öV an, immer mehr kommen zu Fuss aus den umliegenden Quartieren. Wir steuern den Haupteingang des Hotels an, ein Buschauffeur winkt uns freundlich über den Platz.

Marcel Pernet, Sales Manager des Holiday Inn, reist selber täglich mit der S-Bahn an: «Ich sehe vermehrt Leute mit Rollkoffern aussteigen, die ich dann gleich darauf in der Rezeption wieder treffe.» Er empfehle ganz klar die S-Bahn, denn durch die kurze Reisedauer rücke das Westside gefühlt ins Stadtzentrum. Seitdem die Fahrtkosten im Bernticket enthalten sind, das direkt über die City Taxe bezahlt wird und somit bei einer Übernachtung dabei ist, gehe der Trend deutlich Richtung öV.

Orientierung im Wunderbau

Ein kleiner Quergang führt ins Westside. Tageslicht durchflutet die Räume durch die Glasdecke. Migros, Globus, H&M aber auch kleinere Läden wie Oil&Vinegar oder Spielkiste sowie neue Monobrand-Stores wie Camp David oder Soccx sind hier vertreten. Jetzt am Nachmittag schlendern Eltern mit Kindern vorbei, tätigen den Wocheneinkauf oder kommen mit Badetaschen direkt vom Bernaqua. Neben uns steht ein Metallschrank: Eine Gratisgarderobe, an der Jacken kostenlos in einem Überzug eingeschlossen werden können.

Als Erstes suchen wir das Kinderland. Da die Orientierung in diesem Bau nicht immer einfach ist, stehen dafür grosse Touchscreens bereit: Einmal auf «Kinderland» drücken und schon zeigt uns die Maschine mit Pfeilen, in welche Richtung es weitergeht. Im zweiten Stock erwarten Elefanten, Affen und Zebras die Kleinen. Eine breite Metallrutschbahn zwischen zwei Treppen, die Kinder purzeln und lachen. Zwei Buben liefern sich mit roten und blauen «Autöli» ein Rennen um den Kletterturm. Die 60 Plätze seien oft ausgebucht – so beliebt sei das Kinderland, verrät eine Betreuerin.

Sowieso funktioniert das Konzept Westside: «Es ist eines von schweizweit nur zwei Shoppingcentren, die weiterhin deutlich wachsen», erzählt uns Centerleiter Ludwig Nehls. Ursprünglich sei es für 3,5 Millionen Besucherinnen und Besucher pro Jahr geplant gewesen, mittlerweile kommen 5,4 Millionen. Der Jahresumsatz beläuft sich auf rund 214 Millionen Franken. Einzigartig sind der Mix und das Einzugsgebiet: 55 Shops, ein Bad, 15 Restaurants und Bars, ein Multiplex-Kino plus ein Hotel. «Rund 30 Prozent der Besucher kommen aus der Romandie», sagt Nehls. Die S-Bahn-Züge der BLS verbinden das Westside direkt mit Neuenburg und Murten, zu gewissen Zeiten auch mit Payerne.

Bern-Brünnen als Brücke

Rougemontweg, Ramuzstrasse, Le Corbusier-Platz: Auch hinter dem Westside ist die Nähe zur französischen Schweiz spürbar. Wir überqueren die Strasse, gelangen durch ein Tor in der Lärmschutzwand ins Gäbelbachquartier. Bern West ist laut Mark Werren vom Stadtplanungsamt Bern eine Erfolgsgeschichte: Seit den 1990er-Jahren habe man südlich von der Satellitenstadt Gäbelbach den alten Stadtteil Bümpliz erweitern wollen. «Bern-Brünnen ist eine Brücke zwischen mehreren Quartieren», erklärt der Stadtplaner. Mit den Aussenanlagen wie dem Brünnenpark oder dem neuen Schulhaus sei diese Ergänzung sehr gut gelungen: «Heute leben etwa 2000 Leute in den Neubauten, auf den Spielplätzen toben Kinder, Jugendliche spielen Fussball.»

Wir steigen eine Treppe hinab und erreichen den namengebenden Gäbelbach. Es riecht nach Ziegen, wir erblicken einen Hühnerstall, es hat Nistkästen und Feuerstellen. Die frechste Ziege leckt durch den Zaun unsere Hand. Eine Brücke führt über den Bach: die Napoleonsbrücke. Gemäss der Überlieferung sollen die französischen Truppen 1798 den bernischen Staatsschatz über diese Brücke abtransportiert und so Napoleons Ägyptenfeldzug finanziert haben. Gleich auf der anderen Seite des Wassers steht ein Bauernhof – hier grenzt die Stadt ans Land.

Back to the cinema

Nach einer kurzen Pause im Grünen machen wir uns wieder auf ins Westside – zum Abschluss des Tages wollen wir ins Kino. Wir passieren das Migros-Restaurant, die Bäckerei Glatz, einen McDonalds und das japanische Restaurant Namamen – an den Tischen in der Mitte isst jeder, worauf er gerade Lust hat. Im Eingangsbereich des Kinokomplexes herrscht warme Abendstimmung: Ein Leuchtbild an der Wand, eine dunkelgelb-violette Decke, runde Formen. Wir wählen einen aus rund fünf parallellaufenden Filmen und lassen
uns zufrieden in die bequemen Polstersessel sinken.

 

Text: Mia Hofmann
Bilder: Anita Vozza, Valérie Chételat, zVg

Bahnhof Bern Brünnen Westside

Aussteigen möglich seit: 1.10.2008. Täglich 108 Gelegenheiten (samstags 107, sonntags 103)
Kanton: Bern
Höhe über Meer: 558,0 m
Nächste Anschlüsse: Wanderwege, Velorouten, Mobility, Buslinie, Tramlinie
Nachtnetz: ja (moonliner.ch)
Aussteigen mit dem Rollstuhl: ja, selbstständig möglich
Persönliche Beratung: BLS Reisezentrum Bern Bümpliz Nord (2 Min. mit dem Zug)
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