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Kolumne – Bänz Friedli

Stallgeruch auf Schienen

«Jetzt gibts dann viele Leute …», sagt der bebrillte ältere Herr zu seiner Frau, doch er sagt es mehr zu allen anderen im Waggon. Denn sie hört, macht es den Anschein, seit Jahren nicht mehr hin, wenn er unterwegs alles und jeden kommentiert: «Hat Nebel, hä …», «Fährt pünktlich, jawoll!»

Noch mal sagt er: «Jetzt gibts dann viele Leute», und er sagt es viel zu laut. Vielleicht ist er schwerhörig, vielleicht will er einen tatsächlich zurechtweisen. Jedenfalls bemerkt er es mit herrisch hämischem Unterton: dass beim nächsten Halt viele Passagiere zusteigen würden. Und sein Seitenblick bedeutet mir, jetzt müsse ich den freien Platz neben mir dann freigeben. Ein dummer Reflex, ich weiss: Kaum sitzt man, nimmt man das Abteil gleichsam in Beschlag und verteidigt den freien Raum. Man tut also just das, worüber man sich ärgert, wenn man selber einen Sitzplatz sucht. Doch so sehr man sich grämt, man tut es wieder.

Zögerlich nehme ich meine Tasche vom Nebensitz, als ich gewahr werde, dass der Alte recht hatte: Es steigen sehr viele zu. Ich mustere sie, wie sie den Gang entlangkommen. Die beiden arg geschminkten Quasslerinnen? Nein, die bitte nicht! Der junge Mann, vielleicht neunzehn Jahre alt, pummelig, mit unmodischer Windjacke und dicken Brillengläsern – wird der sich zu mir setzen? «Ist da noch frei?», fragt er artig. Schon sitzt er. Und er stinkt. Auch das noch! Nach Stall.

Sogleich fällt mir ein, wie ich als Bub jeden freien Nachmittag bei einer Schulfreundin auf dem Bauernhof verbrachte. Ich sehe uns durch die Geheimgänge auf dem Heuboden kriechen, die wir zwischen Heu- und Strohballen angelegt hatten, muss an unsere Nachmittage im Kirschbaum denken. Der alte Baum in der Hofstatt hatte da, wo das Geäst sich ausbreitet, eine runde Senke, die uns als Ausguck diente, stundenlang. Dort schmiedeten wir Pläne für die Hütte, die wir dann auch bauten; aus Schwarten, den äussersten Latten, die beim Zersägen einer Tanne anfallen, mit runder Rinde auf der einen Seite. Ich sehe mich beim Putzen des Schorgrabens, rieche den Mist und die warmen Kartoffeln, die wir aus dem mächtigen, mit Holz beheizten Kartoffelkocher klaubten: mindere Ware, zur Schweinemast. Nie mehr haben Kartoffeln später so fein geschmeckt. Und manchmal durfte ich abends sogar die Milch zur Käserei bringen, mit dem Einachser, vor den ein Haflinger gespannt war.

Der Gestank meines Sitznachbarn wird zum Wohlgeruch, ich versinke in Erinnerungen. Schon am nächsten Bahnhof steigt der Jüngling wieder aus. Schade, wie gern hätte ich noch weitergeträumt.

Bänz Friedli
Der Autor und Kabarettist Bänz Friedli (51) tourt derzeit mit seinem Programm «Ke Witz! Bänz Friedli gewinnt Zeit»

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