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Ein halbes Jahrhundert im Dienst der BLS

Von 1975 bis 2025 hat Andres Kupferschmid für die BLS gearbeitet: Vom Stationslehrling in Belp bis zum Frequenzerheber in den Zügen. Dazwischen rettete er in Goppenstein dank seiner Frau wohl einem Mann das Leben und schaufelte im Winter in Wimmis dem damaligen BLS-Direktor den Weg zum Zug frei. Nun ist der 69-Jährige pensioniert – und erzählt hier selbst, welche Erinnerungen er mitnimmt.

Aufgezeichnet von Helene Soltermann

«Als ich Ende Jahr zum letzten Mal für die BLS im Einsatz war, war das schon ein sehr spezielles Gefühl. 50 Jahre lang habe ich für die BLS gearbeitet. All meine 608 Lohnabrechnungen habe ich in zwei Ordnern abgelegt. 3,56 Kilogramm Papier.  

Im April 1975 habe ich meine Lehre als Betriebsdisponent in der dazumal noch kleinen Station Belp begonnen. Die Züge hat man damals auf dem Perron mit der grün-weissen Kelle abgefertigt. Billette haben wir zum Teil noch handschriftlich ausgestellt. Nach Belp folgten die Ausbildungsstellen Gwatt, Ins, Grenchen Nord, Uetendorf und in Spiez die Einnehmerei, wie der Billettschalter dort genannt wurde. 

In Ins arbeiteten viele angefressene Fischer, inklusive Bahnhofsvorstand. Vor oder nach dem Dienst ist man zusammen, zum Teil mit dem Velo, nach Vinelz und mit dem Boot auf den Bielersee gefahren, um Felchen zu fischen. Zwar wurde es nicht gerne gesehen, dass wir unsere Vorgesetzten duzten. Aber beim Fischen per Sie, das wäre doch komisch gewesen! Der Ausbildungsleiter in Bern hatte auch sonst seine Prinzipien. Als ich 18 Jahre alt wurde, hat man uns Lehrlingen untersagt, die Autoprüfung zu machen. ‹Ein Bähnler fährt Zug›, war die damalige Devise. Über dieses Verbot habe ich mich jedoch hinweggesetzt. 

Nach der Lehre wurde ich aufgeboten, in der Betriebsabteilung an der Genfergasse in Bern auszuhelfen. Damals gab es noch keine Computer. Ich musste unter anderem die Akten dreimal pro Tag in alle Büros verteilen. Dabei sah ich teilweise, was in den Akten stand. Besonders spannend waren diejenigen des Personalbüros. Dort waren die Sündenregister abgelegt.  Einerseits wurden dort fahrdienstliches Fehlverhalten wie etwa unnötige Zugsverspätungen, Zugsgefährdungen oder Unfälle registriert. Interessanter waren hingegen Akten über persönliche Angelegenheiten. Verstösse gegen Vorschriften und sonstige Missetaten wurden mit einer Ermahnung, einem Verweis oder sogar einer Busse geahndet. Ein Verstoss gegen eine Vorschrift konnte einen Lohnabzug von mindestens einem Fünfliber zur Folge haben.

Action in Goppenstein, dem damaligen Tor in den Süden

1978 hat man einen neuen Vorstand für Lalden gesucht. Als 21-Jähriger eröffnete man mir zwei Möglichkeiten: Entweder du meldest dich und wirst gewählt oder du meldest dich nicht und wirst nach Lalden versetzt. Zu meinem Glück hat sich dann am allerletzten Tag ein Kollege gemeldet. Das gab mir die Chance, mich am Bahnhof Goppenstein zu bewerben, wo ich dann 15 Jahre lang geblieben bin. Goppenstein war das Tor in den Süden, da war an 365 Tagen während 24 Stunden etwas los. An Spitzentagen fuhren 200 Züge durch den Lötschberg-Tunnel, den Basistunnel gab es ja damals noch nicht. Weil zeitweise alle zwei bis drei Minuten ein Zug aus dem Tunnel kam, musste man gut aufpassen, dass alle ins richtige Gleis geleitet wurden. Einmal habe ich einen Personenzug mit einem Autoverladezug verwechselt und diesen neben das Perron fahren lassen. Die Fahrgäste, die ausstiegen, landeten im 50 Zentimeter hohen Neuschnee anstatt auf dem Perron! 

In Goppenstein habe ich zuerst wie alle ledigen Burschen im Ledigenheim gewohnt. Frauen wohnten nicht da und waren auch nicht vorgesehen. Vermutlich darum war das Ledigenheim auch als Munikloster bekannt. Jeder hatte sein eigenes Zimmer. Gekocht wurde in der Gemeinschaftsküche, und zwar für die ganze Gruppe. Da die meisten von uns am Anfang vom Kochen keine Ahnung hatten, wurde dann und wann per Telefon Rat bei der Mutter eingeholt. Einer hat mal statt 500 Gramm 5 Kilogramm Hackfleisch eingekauft – dazu eine Dose Champignons, damit er die Sauce noch hätte strecken können, falls es knapp würde.  

Meine Frau respektive damalige Freundin Brigit ist im Frühling 1984 nach Goppenstein gekommen. So zog ich vom Ledigenheim mit ihr ins Wohnhaus 3 neben dem Tunneleingang um. Die Drei-Zimmer-Dienstwohnung kostete monatlich 198 Franken – inklusive Nebenkosten. Weil wir im ersten halben Jahr noch nicht verheiratet waren, haben wir von der Gemeinde Besuch gekriegt, um sicher zu gehen, dass wir in separaten Zimmern übernachten. 1985 und 1987 sind unsere beiden Kinder zur Welt gekommen. Als wir dann in der unteren Wohnung im Bahnhof gewohnt haben, hörte ich unsere Kinder bei der Arbeit jeweils, wie sie im 28 Meter langen Gang herumrannten. Hie und da hat mir Brigit spätabends im Fahrdienst-Büro Gesellschaft geleistet. Eines Abends, als Sion den Cupfinal gewonnen hatte, hat sie mich darauf aufmerksam gemacht, dass auf einem nicht öffentlichen Gleisübergang etwas Komisches liege. Es war ein betrunkener Sion-Fan. Den haben wir dann zusammen weggeschleppt. Ja, ohne meine Frau hätte das Fest für ihn tragisch enden können. 

 

Wimmis, das gemütliche Land-Bahnhöfli

Anfangs Neunzigerjahre wurde am Bahnhof Wimmis die Stelle des stellvertretenden Stationsvorstands frei. Ich wurde gewählt und so zügelten wir, entgegen dem Willen unserer Kinder, in unser Häuschen mit etwas Land und Wald in Spiezwiler. In Wimmis ging es, im Gegensatz zum eher stressigen Goppenstein, ruhiger zu und her. Am Anfang waren wir noch zu fünft. Der Vorstand, der Stellvertreter, ein Disponent, ein Lehrling und ein Bahnwärter. Jeder hat praktisch jede Arbeit gemacht: Im Fahrdienst gearbeitet, mit dem Stationstraktor Manöver gefahren, Billette und Reisen verkauft. Wir haben auch Container mit Gefahrengut über Rotterdam bis nach Singapur versandt. Auch Vieh wurde damals noch auf die Bahn verladen. Wir mussten danach jeweils die Rampe abspritzen.

Schliesslich wurde ich Vorstand respektive Leiter Verkauf, weil der Fahrdienst von Spiez ferngesteuert wurde.  In den letzten Jahren machten wir mit dem Verkauf von Billetten und Reisen einen Jahresumsatz von 1,5 Millionen. Ich hatte eine gute Zeit in ‹meinem› Bahnhöfli, unter anderem auch darum, weil ich rund zwei Dutzend Lehrlinge betreuen durfte. Das gab zwar zu tun, aber es war bereichernd. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt. Zu Beginn meiner Wimmiser Zeit bin ich jeden Tag mit dem Velo zum Bahnhof gefahren. Danach wurde ich bequemer und nahm das Töffli. So blieb mir das Pedalen erspart und ich kam nicht mehr verschwitzt zur Arbeit. 

Ein prominenter, wenn auch nicht zahlender Kunde war der seinerzeitige BLS-Direktor Martin Josi. Seine Frau fuhr ihn in der Regel per Auto zum Bahnhof. Wenn es schneite, haben wir ihm einen schmalen Weg vom Parkplatz quer über ein Nebengleis zur 1. Klasse geschaufelt, damit der Direktor in den Halbschuhen ohne nasse Füsse in den Zug respektive nach Bern kam. Herr Josi hat diesen Service immer sehr geschätzt. Auch wir konnten von ihm profitieren. So hat er dafür gesorgt, dass wir einen moderneren Endlosdrucker erhielten, obwohl unsere Station eigentlich zu wenig Billette verkaufte. Von den Mitarbeitern wurde Martin Josi geschätzt, besonders für seine Gepflogenheit Ende Jahr. Am Silvesterabend ging er mit seiner Frau jeweils von Bahnhof zu Bahnhof und hat jedem, der im Dienst stand, alles Gute fürs neue Jahr gewünscht.

 

 

Nach der Schliessung der Filiale Wimmis ging's auf den Zug

In den Neunzigerjahren wurden je länger je mehr Bahnhöfe ferngesteuert, Billette wurden am Automaten oder übers Internet gekauft. Das Netz der bedienten Stationen lichtete sich. Weil auch die Bank in Wimmis immer weniger Kundschaft hatte, haben sich die BLS und die BEKB zusammengeschlossen. Unser Stationsgebäude war sicherheitstechnisch ein Löchersieb, deshalb zügelte ich, nun als Einmannbetrieb, in die 70 Meter entfernte Bank. So hatte ich plötzlich zwei Visitenkarten, eine als Leiter Reisedienst und eine als Bankfilialleiter. Diese Zusammenarbeit dauerte jedoch nicht lange, und die beiden Filialen wurden endgültig geschlossen.

«Auch wenn es nur sehr wenige unfreundliche Fahrgäste gab, gab’s Situationen, wo man einen Schlämperlig einkassierte. Das konnte ich normalerweise gut wegstecken.»

Die letzten 20 Jahre meiner Eisenbähnlerzeit kam ich beim Zugpersonal im Depot Spiez unter. Als Frequenzerheber hatte ich die Aufgabe, die Fahrgäste zu fragen, von wo bis wo sie unterwegs seien. Dies ermöglicht eine gerechte Verteilung der Billetteinnahmen zwischen den verschiedenen ÖV-Unternehmen. Auch wenn es nur sehr wenige unfreundliche Fahrgäste gab, gab’s Situationen, wo man einen Schlämperlig einkassierte. Das konnte ich normalerweise gut wegstecken, oft sogar mit einem innerlichen Lächeln. Meine Uniform war quasi mein Blitzableiter. In der Regel habe ich mich an die Vorgaben der BLS gehalten. Mühe hatte ich mit der Krawattentragpflicht. Im Fahrdienst war es früher Pflicht, Krawatte zu tragen. Irgendwie fühlte ich mich mit einem Strick um den Hals weder wohl noch authentisch. Dieses Thema tauchte denn auch dann und wann in den Quali-Gesprächen auf.

 

Jetzt, nach einem halben Jahrhundert, bin ich pensioniert. Ich muss mich erst noch an den Gedanken gewöhnen, nicht mehr mit der BLS verheiratet zu sein. Etwas salopp gesagt habe ich 30 Jahre Billette verkauft – 15 Jahre in Goppenstein, 15 Jahre in Wimmis – , und dann war ich 20 Jahre lang auf den Zügen und habe geschaut, wo die Leute mit den Billetten hinfahren.»

45,8 Jahre alt und 11 Jahre bei der BLS

Bei der BLS arbeiten fast 4000 Menschen. Der durchschnittliche Mitarbeitende ist 45,8 Jahre alt und arbeitet im Schnitt seit 11 Jahren bei der BLS. Dieses langjährige Engagement schätzen wir sehr, denn Erfahrung und Know-how machen uns stark.

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