Aufgezeichnet von Helene Soltermann
«Als ich Ende Jahr zum letzten Mal für die BLS im Einsatz war, war das schon ein sehr spezielles Gefühl. 50 Jahre lang habe ich für die BLS gearbeitet. All meine 608 Lohnabrechnungen habe ich in zwei Ordnern abgelegt. 3,56 Kilogramm Papier.
Im April 1975 habe ich meine Lehre als Betriebsdisponent in der dazumal noch kleinen Station Belp begonnen. Die Züge hat man damals auf dem Perron mit der grün-weissen Kelle abgefertigt. Billette haben wir zum Teil noch handschriftlich ausgestellt. Nach Belp folgten die Ausbildungsstellen Gwatt, Ins, Grenchen Nord, Uetendorf und in Spiez die Einnehmerei, wie der Billettschalter dort genannt wurde.
In Ins arbeiteten viele angefressene Fischer, inklusive Bahnhofsvorstand. Vor oder nach dem Dienst ist man zusammen, zum Teil mit dem Velo, nach Vinelz und mit dem Boot auf den Bielersee gefahren, um Felchen zu fischen. Zwar wurde es nicht gerne gesehen, dass wir unsere Vorgesetzten duzten. Aber beim Fischen per Sie, das wäre doch komisch gewesen! Der Ausbildungsleiter in Bern hatte auch sonst seine Prinzipien. Als ich 18 Jahre alt wurde, hat man uns Lehrlingen untersagt, die Autoprüfung zu machen. ‹Ein Bähnler fährt Zug›, war die damalige Devise. Über dieses Verbot habe ich mich jedoch hinweggesetzt.
Nach der Lehre wurde ich aufgeboten, in der Betriebsabteilung an der Genfergasse in Bern auszuhelfen. Damals gab es noch keine Computer. Ich musste unter anderem die Akten dreimal pro Tag in alle Büros verteilen. Dabei sah ich teilweise, was in den Akten stand. Besonders spannend waren diejenigen des Personalbüros. Dort waren die Sündenregister abgelegt. Einerseits wurden dort fahrdienstliches Fehlverhalten wie etwa unnötige Zugsverspätungen, Zugsgefährdungen oder Unfälle registriert. Interessanter waren hingegen Akten über persönliche Angelegenheiten. Verstösse gegen Vorschriften und sonstige Missetaten wurden mit einer Ermahnung, einem Verweis oder sogar einer Busse geahndet. Ein Verstoss gegen eine Vorschrift konnte einen Lohnabzug von mindestens einem Fünfliber zur Folge haben.