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Kreative Lösungen in harten Zeiten

Die beiden Weltcuprennen in Adelboden sind nach wie vor Feier tage des Skisports. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Skitourismus in der Schweiz schwierige Zeiten erlebt. Innovative Lösungen sind gefragt.

Wenn der Skiweltcup in Adelboden gastiert, bebt der Ort. Genau-so wie während der Lauberhornrennen in Wengen wird der Ski-sport zelebriert. Man fühlt sich in die 60er-Jahre zurückversetzt, als ein ganzes Land zu den Takten des Schlagersängers Vico Tor-riani schunkelte: «Alles fahrt Schiiiii, alles fahrt Schi. Schi fahrt die gaaaanzi Nation.» Das war Volkslied und Werbespot zugleich, die Schweiz stand für «Sonnenschein, Berge und Schnee» – und die Menschen strömten in Scharen auf die Pisten.

Wolken am Winterhimmel

Aber am einst so strahlend blauen Schweizer Winterhimmel sind Wolken aufgezogen. Es gibt, um bei Vico Torrianis Zeilen zu bleiben, für viele inzwischen doch noch Schöneres, als den Winter in den Bergen zu verbringen. Das machen die Zahlen des Verbandes Seilbahnen Schweiz deutlich: In der Wintersaison 2015/16 ver-brachten Schweizer und ausländische Touristen insgesamt 21,6 Millionen Tage in Schweizer Skigebieten. Vier Jahre zuvor waren es noch 24,8 Millionen, also knapp 15 Prozent mehr.

Zwei Probleme machen dem Skitourismus zu schaffen. Im Zuge des Klimawandels ist der Schnee gerade in tiefer gelegenen Destinationen oft Mangelware. Knapp die Hälfte der Skipistenfläche wird hierzulande technisch beschneit. Zudem fehlt der Nachwuchs. Gemäss einer WEMF-Konsumentenstudie betrug der Anteil der 14- bis 19-Jährigen bei den Ski- und Snowboardfahrern 2001 noch gut 65 Prozent, zehn Jahre später waren es schon fünf Prozent weniger. Und die 20- bis 29-Jährigen werden im Jahr 2021 nur noch die Hälfte aller Ski- und Snowboardfahrer stellen – 2001 waren es noch knapp 60 Prozent. Hinzu kommt, dass rund die Hälfte der unter 16-Jährigen einen Migrationshintergrund aufweisen und so von Haus aus eher weniger mit dem Schneesport in Berührung kommen. Der Trend ist klar: Die Alten verlassen die Pisten und zu wenig Junge rücken nach.

Viele Bergbahnen kämpfen hierzulande deshalb ums Überleben. Nur wer sich früh neu positioniere und sich aus der einseitigen Abhängigkeit vom Skibetrieb löse, habe gute Karten für die Zukunft, sagt Roland Zegg, Inhaber und Geschäftsführer der Grischconsulta, die Tourismusorte und Bergbahnen berät.

Gratis-Skitage für Klassen

Die Tourismusregion Sörenberg Flühli in der Unesco-Biosphäre Entlebuch hat die Herausforderung angenommen. Das Gebiet liegt auf einer Höhe zwischen 1000 und 2100 Metern und gehört damit zu jenen Skidestinationen, die von der Klimaerwärmung besonders betroffen sind. Insbesondere die vergangenen beiden Wintersaisons seien sehr schwierig gewesen, sagt Carolina Rüegg, Direktorin von Sörenberg Flühli Tourismus. «Im November hatten wir viel Schnee, aber ausgerechnet in der besucherstarken Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr war er wieder weg – und aufgrund der Inversionslage war es oft in höheren Lagen selbst für das künstliche Beschneien zu warm.» Obwohl im Februar wieder genügend Schnee auf den Pisten lag und die Saison mit den Sport-Ferienwochen ein bisschen gerettet werden konnte, sucht man in Sörenberg nach Alternativen. Fehlt der Schnee, gibt es für Wanderer mit Fondueplausch oder Bars Gastronomieangebote in der Natur. Um wieder mehr junge Menschen auf die Piste zu bringen, ermöglicht Sörenberg zudem in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Skiverband (Swiss-Ski) Schulklassen Gratis- Skitage in den Bergen. «Vor allem aber investieren wir in den Sommertourismus», erklärt Caroline Rüegg. Dabei macht sich die Tourismusregion ihre spezielle Natur zunutze: Vier Moorlandschaften von nationaler Bedeutung liegen ganz oder teilweise in der Unesco-Biosphäre Entlebuch. Im Sommer sorgt der Moorerlebnispark Mooraculum auf der Rossweid seit fünf Jahren für hohe Besucherzahlen.

Stockhorn: radikaler Schnitt

Einen radikalen Schnitt hat man bereits 2004 bei der Stockhornbahn im Berner Oberland vollzogen: Die Skiliftanlagen wurden abmontiert. «Wir waren ein kleines Skigebiet mit grosser Konkurrenz aus dem benachbarten Diemtigtal», begründet Alfred Schwarz, Geschäftsführer der Stockhornbahn. «Zudem war schon damals klar, dass die klimatischen Verhältnisse den Skitourismus erschweren.» Alternative Winterangebote gibt es am knapp 2200 Meter hohen Stockhorn nach wie vor. Dazu gehören Eisfischen, Snowtubing, Schneeschuhlaufen, Winterwandern und ein Iglu-Dorf. Im Sommer kann man wandern, Gleitschirmfliegen, Bungeejumpen, klettern und fischen. «70 Prozent unseres Gesamtumsatzes erwirtschaften wir heute im Sommer», hält Schwarz fest. «Die Neuausrichtung hat sich für uns gelohnt.»

«Wir leben vom Winter»

Gleichzeitig gibt es selbstverständlich Orte, die nach wie vor voll auf den klassischen Skitourismus setzen. «Wir leben fast ausschliesslich vom Winter», sagt Reinhard Tannast, kaufmännischer Leiter der Lauchernalp Bergbahnen AG im Lötschental. Dort kann man auf einer Höhe von 1900 bis über 3100 Meter Wintersport betreiben, was Schneesicherheit bedeutet. Und gute Zahlen:  Entgegen dem allgemeinen Trend steigerten die Bahnen ihre  Gästefrequenzen im Winter 2015/16 um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im letzten Winter verloren sie zwar wieder gut drei Prozent, womit sie allerdings immer noch über dem Niveau vom Winter 2014/15 liegen. Nun wird weiter investiert: Ab dem  16. Dezember ersetzt eine neue, kuppelbare 6er-Sesselbahn  einen Skilift und eine alte 2er-Sesselbahn zwischen der Lauchernalp und Stafel – «um die Gäste in jedem Fall in den Schnee und falls nötig wieder zurück bringen zu können», sagt Reinhard Tannast.

 

Text: Peter Birrer und Peter Bader
Bilder: Peter Mosimann / zVg
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