Aufsehenerregende Projekte
Erst einmal besuchen wir den Ort, an dem er seine Leidenschaft ausleben kann. Fährt man von Uetendorf in den BLS-Zügen der S4 oder der S44 in Richtung Thun, sieht man das Firmengelände der Garaventa AG kurz nach der Abfahrt auf der linken Seite, mitten im Industriegebiet. Der Name ist vielen Berggängern ein Begriff. Das Unternehmen Garaventa geht ursprünglich auf Karl Garaventa
zurück, der 1928 eine Materialseilbahn auf die Rigi baute.
Einige Jahre später erfolgte die Gründung des Unternehmens Karl
Garaventa’s Söhne für Seilbahn- und Maschinenbau, die international
vor allem im Bereich der grossen Pendelbahnen tätig war.
2002 fusionierte das Unternehmen mit der österreichischen Seilbahnherstellerin
Doppelmayr. Die Doppelmayr / Garaventa-Gruppe
mit Hauptsitz in Wolfurt (Vorarlberg, Österreich) ist heute
Weltmarktführer im Seilbahnbau, derzeit sind knapp 15 000 ihrer
Anlagen in Betrieb. Sie beschäftigt weltweit rund 2500 Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, bei der Garaventa in der Schweiz arbeiten
knapp 400 Personen. Innerhalb der Gruppe ist Doppelmayr
nach wie vor auf den Bau von Sessel- und Gondelbahnen spezialisiert,
Garaventa steht in erster Linie für Stand-, Pendel- und Materialseilbahnen.
Aufsehenerregende Projekte der Gruppe gibt es einige: Dazu
gehört etwa die 2012 am Stanserhorn montierte Pendelseilbahn «Cabrio», bei der Passagiere auch oben auf dem Dach an
der frischen Luft stehen können. Oder die 136-Personen-
Standseilbahn mit zylindrischen Wagenabteilen und Neigungsausgleich,
die im Dezember als Zubringer zum Ferienort Stoos
in Betrieb genommen wird.
«Jede Schraube kontrollieren»
Uetendorf mit gut 100 Mitarbeitenden ist einer von fünf Garaventa-
Standorten in der Schweiz. Hier ist man spezialisiert auf
die Bereiche Service und Unterhalt der mechanischen Komponenten,
also zum Beispiel des «Verbindungsarms» zwischen
der Kabine und dem Seil. Muss etwas schnell repariert werden,
sind Mitarbeiter aus Uetendorf zur Stelle – vor allem in der
näheren Umgebung, im Rest der Schweiz und ab und zu auch
im Ausland. Uetendorf verfügt über ein enorm grosses Ersatzteillager,
zudem werden die mechanischen Komponenten hier
regelmässig einer Revision unterzogen: nach sechs Jahren einer
kleinen, nach weiteren sechs einer grossen. «Dann wird
jede Schraube kontrolliert», sagt Andreas Poschung, der in Uetendorf
als Leiter der Service-Werkstatt 30 Angestellten vorsteht.
Eine grosse Revision dauert in der Regel zwischen zwei
und drei Wochen und muss natürlich zwingend in der Zwischensaison
stattfinden. Was für die Mitarbeitenden in Uetendorf
bedeutet, dass sie im Frühling und Herbst während je rund
eineinhalb Monaten keine Ferien nehmen dürfen. «Das sind
jeweils sehr intensive Wochen, an denen wir auch mal an
Samstagen arbeiten», erläutert der 36-Jährige. Er muss dafür
sorgen, dass «die Peaks ausgeglichen werden», also immer
alle Arbeiten innert nützlicher Frist und in hoher Qualität erledigt
werden.
In der Werkstatt in Uetendorf arbeiten vor allem Werksmonteure,
Polymechaniker und Anlagebauer. Die Seilbahntechnologie
erfordert einen hohen Spezialisierungsgrad, «sodass wir sehr
daran interessiert sind, unsere Lernenden nach der Ausbildung
zu behalten». Zu diesem Zweck bietet man ihnen in jungen Jahren
die Möglichkeit, in der ganzen Welt auf Montage zu gehen.
«Kommen sie dann mit einem grossen Erfahrungsschatz zurück
und gründen eine Familie, können sie wieder bei uns in der
Schweiz einsteigen.»
Anschauungsunterricht in Saas Fee
Andreas Poschnung hat allerdings einen anderen Weg beschritten.
Er wuchs in Boltigen inmitten von Bergbahnen auf, was bei
ihm früh die Faszination für die Technik weckte. Zuerst aber
lernte er Käser. Dann arbeitete er bei den Bergbahnen in Gstaad:
an der Kasse, dann im Rettungsdienst und schliesslich im mechanischen
Unterhalt. Es folgten die Prüfung zum eidgenössisch diplomierten Seilbahnfachmann und ein Studium in Betriebswirtschaft.
So holte er sich das Rüstzeug für die Arbeit bei
Garaventa. Dort stieg er 2011 als Einkäufer ein, seit 2013 leitet
er die Service-Werkstatt. Als solcher musste er 2015 den Umzug
des Unternehmens von Gwatt nach Uetendorf planen und
orchestrieren. Eine anspruchsvolle Aufgabe, «weil auch während
des Umzugs immer alles reibungslos klappen musste».
Unlängst fuhr Andreas Poschung mit seiner Familie in Saas Fee
mit dem Alpin Express. In der Zwischenstation Morenia lagen
verpackte mechanische Teile, die eben bei ihnen in Uetendorf
revidiert worden waren. «Natürlich habe ich ihnen alles erklärt.
» Ob seine Töchter dereinst den gleichen Berufsweg einschlagen
werden wie er, ist fraglich «und auch gar nicht nötig».
Eine Leidenschaft konnte er ihnen allerdings schon mal vermitteln:
«Ich bin grosser Fan des SC Bern – mit diesem ‹Virus›
habe ich meine Töchter schon angesteckt.»
Text: Peter Bader
Bild: Manu Friederich