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Schwarzwasserbrücke – Schifere, bädle u brätle

Um die Berner an einen anderen Fluss als die Aare zu locken, braucht es so einiges. Sense und Schwarzwasser schaffen dies regelmässig: Tief in der Sandsteinschlucht lässt sich der perfekte Sommertag mit Freunden und Familie verbringen.

«Schau, ein Schmetterling!» Lean zeigt seiner Mutter alle Tiere, die er findet. «Und diese schwarze Schnecke – sie bewegt sich!» Seiner Zwillingsschwester Elea ist der Sonnenhut ins Gesicht gerutscht. Sie wirft lieber Steine in den Fluss. Gemeinsam mit Hund Charly sind sie entlang des Schwarzwassers unterwegs und suchen den schönsten Platz für ihre Picknick-Pause. «Am Wochenende ist es rund um den Zusammenfluss von Schwarzwasser und Sense recht voll – doch unter der Woche findet man hier seine Ruhe», erklärt uns die Mutter. Heute teilen wir uns den Platz nur mit ein paar mit Chips und Cipollata ausgerüsteten Jugendlichen, am anderen Ufer sonnt sich eine lesende Frau. Vögel und Insekten schwirren durch die Luft, das Wasser plätschert leise.
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    Erst eine Brücke, dann zwei

    Losgelaufen sind wir am Bahnhof Schwarzwasserbrücke. Er liegt auf der Linie Bern–Schwarzenburg, gleich am südlichen Ende der Brücke. Eigentlich sind es deren zwei: eine 170 Meter lange Strassenbrücke aus Stahl von 1882 und eine Eisenbahnbrücke aus Beton von 1979. Wir werden sie später noch einmal sehen, wollen aber erst mit einem ausgiebigen Spaziergang etwas ausholen. Ein kurzes Stück folgt der Wanderweg der Bahnlinie Richtung Schwarzenburg, bevor er sie in der Aekenmatt quert. Wiesen, Höfe, Wald, so weit das Auge reicht. Ein alter Speicher aus dem Jahr 1750 entzückt mit seiner kunstvoll geschwungenen weissen Schrift auf dem von der Sonne schwarzgebrannten Holz. Auf der anderen Seite des Wegs steht ein neues Wohnhaus aus hellem Holz, das auf dem Sandsteinfundament eines früheren Gebäudes steht.

    Dass die sanften Hügel unendlich weitergehen täuscht: Nach rund einer halben Stunde biegen wir ab in die Schlucht. Mit den Jahren hat das Wasser eine tiefe Furche in die Landschaft geschnitten: den Schwarzwassergraben. Erst geht es auf einem breiten Weg abwärts, danach folgen steile Holzstufen, vereinzelt sind sie auch direkt in den Sandstein gehauen und etwas zerbröselt. Hier ist Trittsicherheit gefragt! Bald erreichen wir den Fluss, der sich dunkelgelb, fast moosfarben durch den breiten Graben schlängelt. Das Schwarzwasser kommt aus dem Gurnigelgebiet und ist oft etwas dunkler und kälter als das Wasser der Sense, mit der es bei der Schwarzwasserbrücke zusammenfliesst. Von hier an ist der Weg breit und folgt den naturbelassenen Kurven des Bachbetts. Der Boden unter den Schuhen ist sandig, und durch das klare Wasser blitzt der Grund mit beeindruckenden Formationen. Eine dünne Schicht Wasserpflanzen überzieht die abgeschliffenen Sandsteinfelsen – eine ideale Unterwasser-Rutschbahn. Wer lieber alleine ist, sucht sich hinter den Büschen ein Plätzchen zum Ausruhen. Wer Lust hat auf die etwas grössere Sense, eine Hängebrücke und einen Kletterfelsen, wandert direkt weiter.

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      Ritterspiel und Badewanne

      Nach rund 45 Minuten erkennen wir von Weitem die Brücke mit den hohen geschwungenen Bogen – dort haben wir den Spaziergang begonnen. Von unten ist die Brücke noch viel beeindruckender: Die 65 Meter wirken sehr hoch. «Würdest du hier Bungee Jumping machen?», fragt ein Jugendlicher gerade seinen Kollegen. Wir wohl eher nicht. Wir stehen auf der alten Schwarzwasserbrücke, nur wenige Meter über dem Wasser. Hier empfiehlt sich ein Abstecher zur Riedburg: eine Viertelstunde Aufstieg und schon ist man auf dem idealen Ritterspielplatz. Alte Mauern ragen aus dem Unterholz, und auch der Burggraben ist in der Topografie noch erkennbar. Ausgerüstet mit einem Speer aus Holz oder einem Schild aus Rinde kann man hier in die Vergangenheit oder eine selbst erdachte Fantasiewelt abtauchen.

      Doch jetzt gehts um die Wurst: In rund zehn Minuten erreicht man von der alten Brücke aus den Zusammenfluss von Sense und Schwarzwasser, den grössten und eindrücklichsten Rastplatz. Viele Feuerstellen sind schon gebaut, wer lieber eine eigene entwirft, findet mehr als genug Rohmaterial. Auch Sitze, Sonnenliegen oder Staumauern können aus den Steinen konstruiert werden. Und die flachen kleinen Steine benutzt man am besten zum «Schifere» und lässt sie in flacher Flugbahn mehrmals auf dem Wasser aufspringen, bevor sie versinken. Das Holz ist gesammelt, das Feuer angezündet – wer traut sich nun ins kühle Nass? Erfrischung ist hier garantiert, denn die Wassertemperaturen steigen kaum über zwanzig Grad. An einigen Stellen kann man den Fluss watend überqueren, je nach Wasserstand ist die Strömung zu stark. In den Sandsteinbecken muss man kurz schwimmen, oft aber eher die Knie anziehen, damit man sich nicht stösst. Oder doch lieber eine Badewanne bauen?

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        Schnelle Schatten

        Das Gebiet, in dem sich die beiden Flüsse vermischen, gehört zum Naturschutzgebiet Sense-Schwarzwasser, das wiederum Teil des Naturparks Gantrisch ist. Ist es ruhig, kann man hier seltene Arten wie etwa die Wasseramsel beobachten. Für uns heisst das: Rücksicht auf Tiere nehmen und allfälligen Abfall unbedingt wieder mitnehmen. Müde vom Wasserplausch strecken wir nun die Würste über das Feuer, Brot und Äpfel liegen bereit. Etwas Energie tut gut! Nach dem Essen legen wir uns aufs Badetuch. Wir träumen in den Nachmittag hinein, beobachten wie zwei Kletterer am anderen Flussufer langsam am Seil die Sandsteinwand hochsteigen, hören ein Flugzeug weit oben am Himmel. So könnte es ewig weitergehen. Oh, schon im Schatten? Hier in der Schlucht wandern die Schatten schnell. Wir strecken ein letztes Mal die Füsse in den Fluss und steigen wieder hoch zum Bahnhof. Wer nun noch Lust auf einen Kafi oder einen Coupe hat, setzt sich noch ein Stündchen auf die Terrasse des Restaurants zur Schwarzwasserbrücke. Wer wie wir genug Sonne getankt hat, steigt direkt in die doppelstöckige S-Bahn und lässt sich nach Hause chauffieren.

        Text: Mia Hofmann
        Bilder: Anita Vozza

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          Bahnhof Schwarzwasserbrücke

          Aussteigen möglich seit: 1. Juni 1907. Täglich je 38 Gelegenheiten mit der Bahn von Bern–Köniz bzw. von Schwarzenburg
          Kanton: Bern
          Höhe über Meer: 645,4 m
          Nächste Anschlüsse: Wanderwege, Veloroute
          Nachtnetz: ja (moonliner.ch)
          Aussteigen mit dem Rollstuhl: ja, selbständig möglich
          Persönliche Beratung: BLS Reisezentrum in Köniz und Schwarzenburg

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          Steigt man bei der Station Schwarzwasserbrücke aus dem Zug, ist es nicht zu übersehen: das Restaurant zur Schwarzwasserbrücke. Mit dem gepflegten Garten, der riesigen Terrasse, dem Fischteich und der Pit Pat-Anlage lädt es ein, auf eine Erfrischung oder ein Nachtessen einzukehren.

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