Kolumne – Bänz Friedli

Die Sonne, irgendwann

Allein. Mutterseelenallein. Dich fröstelt. Draussen auf dem Bahnhofvorplatz: Schneeverwehungen. So fühlt sich, wer nachts vor einem Selecta-Automaten steht. Denn bestimmt ist dann Winter, es ist viel zu spät und viel zu kalt. Da können noch so frühsommerliche Temperaturen herrschen – wenn du vor einem Selecta-Kasten stehst, spürst du den Biswind. Du bist verstossen. Denn alle Lokale am Ort haben heraufgestuhlt, sogar die Imbissbuden dichtgemacht. Niemand mag dich mehr bewirten, keiner heisst dich noch willkommen. Sie verabschieden dich nicht einmal. Du stehst einfach nur hier am Bahnhof vor diesem Automaten, noch nicht weg und nicht mehr da, in Neuenegg, Kirchberg, Steffisburg, in Dübendorf, Cham, Emmenbrücke. Müde. Hungrig. Alleingelassen. Allein in Olten, Visp, St. Gallen.

Daran muss ich denken, wenn ich «Selecta Automat» höre, das Lied der beiden jungen Ostschweizer, die sich Dachs nennen. Sie widmen dem Selbstbedienungskasten eine dichte und wunderbar traurige Jetztzeitreportage. Und als wäre dieser Automat nicht schon das Sinnbild schlechthin fürs Alleinsein, spitzt der Sänger die Einsamkeit noch zu angesichts der süssen Verlockung hinter der Glasscheibe und der offenbar bitter verlaufenen Verabredung, die er mittels hurtigem Nach-rechts-Wischen auf der Dating-App Tinder angebahnt hatte: «Haribo macht Chinder froh, Tinder isch en Striichelzoo …» Was für eine Zeile! In schönstem Sankt-Galler- Deutsch. (O ja, liebe Berner, man darf, kann und soll in anderen Dialekten singen als demjenigen, den ihr für den schönsten der Welt haltet.)

Hinter der Scheibe hats Feuerzeuge à Fr. 5.– und Präservative à Fr. 6.–. Der Name Selecta suggeriert, man habe die Wahl. Aber es hat ja doch nur wieder diese Paprika-Chips, wobei die Packung bei gleichbleibendem Preis, dünkt dich, Jahr für Jahr kleiner wird. Sind sowieso nicht gesund, die Chips, und keinesfalls, was du gewollt hast. Aber vielleicht helfen sie doch, den gröbsten Hunger zu stillen? Falsch. Chips machen bloss noch hungriger. Es hat klebrige Naschereien, Kägifret und nicht die Schokolade, die du wirklich gern hättest, aber Schokolade isst du sowieso nur dann, wenn du eigentlich eine Umarmung bräuchtest. Gibt es etwas Tristeres als einen Selecta-Automaten nach Mitternacht?

Und hast du dich dann, weil der Zug naht, endlich entschieden, wird das gewählte Produkt zwar mittels Spirale Richtung Schacht geschoben, kippt vornüber, verklemmt sich aber zwischen Produkteschiene und Scheibe, statt in die Ausgabeklappe zu fallen, aus der du es klauben könntest. Alles Schütteln und Rütteln hilft nichts. Nie ist der Mensch so allein wie nachts vor einem Selecta- Kasten. Dachte ich. Da kommt neulich, spätnachts, das junge Pärchen, innig umschlungen, tuschelnd und verhalten auflachend, und lässt einen Schwangerschaftstest heraus: «Maybe Baby», Fr. 18.–. Sie wirken erwartungsfroh. Jetzt erst begreife ich den Refrain des Dachs-Songs: «Und irgendwänn goht d Sunne uf.»

Die stehen zu dritt vor dem Automaten, nächstes Jahr, wenn der Frühling kommt.

 

Der Autor und Kabarettist Bänz Friedli (53) hat soeben seine Geschichtensammlung «Es ist verboten, übers Wasser zu gehen» veröffentlicht und am YB-Meisterbuch «Wo das Tram nicht hinfährt, sind wir daheim» mitgearbeitet.

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