Fensterblick

Hartes Geschäft mit süssen Rüben

In Aarberg ist der Zucker allgegenwärtig, nicht nur Ende des Jahres während der Kampagne. Für die Schweizer Zucker AG ist das Geschäft mit den süssen Rüben allerdings alles andere als ein Zuckerschlecken.

Wir sind ein süsses Land. Im Durchschnitt konsumieren Herr und Frau Schweizer im Jahr rund 40 Kilogramm Zucker, direkt oder versteckt in anderen Lebensmitteln. Das entspricht knapp 30 Würfeln Zucker pro Tag. Auch wenn übermässiger Zuckerkonsum für die Gesundheit schädlich sein kann: Zucker ist eines unserer wichtigsten Grundnahrungsmittel. Kaum wo weiss man das so gut wie in Aarberg im Berner Seeland. Dort ist der Zucker allgegenwärtig. Vor allem am Ende des Jahres, zur Zeit der Kampagne, wenn die Zuckerrüben per Bahn oder von den Bauern direkt in die Zuckerfabrik gebracht werden und der erdige Rüben-Duft über dem ganzen Städtchen liegt. Schon vom Bahnhof aus sieht man die Fabrik. Fährt man im Regio von Lyss Richtung Kerzers, taucht sie unmittelbar nach dem Bahnhof Aarberg auf der linken Seite auf.
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    266 000 Tonnen Zucker

    Hier und am zweiten Standort der Schweizer Zucker AG in Frauenfeld (TG) wurden in der abgelaufenen Saison insgesamt 1,7 Mio. Tonnen Rüben zu 266 000 Tonnen Zucker verarbeitet. Die Kampagne dauert in der Regel rund 100 Tage, von Mitte September bis Weihnachten. Es ist eine intensive Zeit für die 100 Mitarbeitenden, die dabei von 25 «Saisonniers» unterstützt werden. Gearbeitet wird im 3-Schicht-Betrieb, während sieben Tagen rund um die Uhr. Ingenieure, Chemikerinnen, Laboranten, Polymechaniker, Spengler oder Gärtnerinnen arbeiten in der Aarberger Zuckerfabrik, insgesamt 15 verschiedene Berufe sind vertreten. Viele von ihnen werden insbesondere ausserhalb der Kampagne gebraucht, wenn es darum geht, die Anlagen zu revidieren oder neue zu bauen. Für die Arbeiten während der Erntezeit werden die Mitarbeitenden eigens ausgebildet. «Es ist für uns nicht einfach, Mitarbeiter zu finden», sagt Thomas Frankenfeld, Leiter Technologie und Projekte in Aarberg. Die intensive Arbeit während der Kampagne würde viele abschrecken. «Aber sind sie dann einmal bei uns, erkennen viele, dass die Schichtarbeit auch finanzielle Vorteile und mehr Freizeit während der restlichen Monate mit sich bringt.»

    400 Tonnen pro Stunde

    Es dauert rund zwölf Stunden bis aus einer Zuckerrübe feiner Kristallzucker wird. In einer Stunde können in Aarberg rund 400 Tonnen Zuckerrüben verarbeitet werden. Zum Vergleich: Ein mittelgrosser Bauernbetrieb liefert in einer Saison zwischen 200 und 300 Tonnen.

    Für die Herstellung von einem Kilogramm Kristallzucker sind acht bis neun Zuckerrüben nötig. Das hängt vom Zuckergehalt der Rübe ab. In der abgelaufenen Saison betrug er rund 18,5 Prozent, was überdurchschnittlich gut ist. Erst werden die Rüben gewaschen und von der Erde befreit, die rund fünf Prozent des Gewichts ausmacht. In der Stunde fallen so rund 20 Tonnen Erde an, die anderweitig verwertet werden. Dazu später mehr. Denn der Produktionsprozess geht weiter. Die Rüben werden in Schnitzel mit möglichst grosser Oberfläche geschnitten, damit der Zuckersaft anschliessend optimal ausgepresst werden kann. Dieser  ird dann mit Kalkwasser gereinigt, eingedickt und kristallisiert. Die übrig gebliebene Masse wird schliesslich in Zentrifugen abgeschleudert.

    Drei Viertel für die Industrie

    Ein Viertel des gewonnenen Kristallzuckers verkauft die Zuckerfabrik AG in Form von eigenen Produkten, etwa als Würfelzucker oder abgefüllt in kleinen Säckchen für die Gastronomie. Die restlichen drei Viertel gehen an Industriebetriebe, die den Zucker zum Beispiel in Getränken oder anderen Lebensmitteln weiterverarbeiten.

    Auch wenn die abgelaufene Saison im Vergleich zu den vorangegangenen erfreulich verlief: Das Geschäft mit den süssen Rüben ist kein Zuckerschlecken. «Als ich vor 27 Jahren hier angefangen habe, konnten wir das Kilogramm Zucker für knapp 1,30 Franken verkaufen», sagt Projektleiter Frankenfeld. «Bis heute hat sich der Preis praktisch halbiert.» Das hat viel mit der Europäischen Union (EU) zu tun. Denn der Preis für inländischen Zucker hängt aufgrund eines Abkommens eng mit dem EU-Preis zusammen. Immerhin galten aber bisher in der EU eine Produktionsquote für Zucker sowie eine Limitierung der Exportmengen. Beides wurde nun per Ende September 2017 aufgehoben. Dadurch ist die Schweizer Zuckerindustrie einem noch höheren Preisdruck ausgesetzt.

    Gute Öko-Bilanz

    Wie sich das auswirken werde, könne man erst in ein, zwei Jahren abschätzen, sagt Thomas Frankenfeld. Was für den Schweizer Zucker spricht: «Wer sein Produkt als ‹Swiss made› deklarieren will, braucht bei Lebensmitteln in der Regel einen Anteil von 80 Prozent an in der Schweiz hergestellten Rohstoffen», rechnet Thomas Frankenfeld vor. Und auch die Öko-Bilanz spricht für den Schweizer Zucker. Eine von der Schweizer Zucker AG selbst in Auftrag gegebene Studie kommt zum Schluss, dass beim Schweizer Zucker entlang der ganzen Produktionskette vom Rübenanbau bis zum Transport zu den Kunden 30 Prozent weniger Umweltbelastungen anfallen als bei EU-Zucker. Entscheidend dafür sind hauptsächlich die höhere Energieeffizienz und der Einsatz von umweltverträglicheren Energieträgern: Die Schweizer Zuckerfabriken decken ihren Energiebedarf mit Erdgas, während in der EU bedeutende Energiemengen über Braunkohle und Schweröl produziert werden.

    Sowohl die Schweiz als auch die EU-Länder verwerten alle Nebenprodukte, die bei der Herstellung von Rübenzucker anfallen. Dazu gehört auch die Erde: So steht zum Beispiel in Aarberg direkt neben der Zuckerfabrik die Tochterfirma Ricoter. Die verkauft 80 verschiedene Produkte: von der Balkon- bis zur Graberde. Die Rüben werden gewaschen und in Schnitzel mit möglichst grosser Oberfläche geschnitten (oben). Der ausgepresste Saft wird gereinigt und eingedickt (unten), anschliessend kristallisiert.

    Text: Peter Bader
    Bilder: Anita Vozza
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