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Domodossola: Wenn die Piazza zum Wohnzimmer wird

Südländisches Ambiente vor alpiner Kulisse: Jeden Samstag lockt der Markt zahlreiche Besucher nach Domodossola. Auf der Piazza Mercato mischen sich Schweizerdeutsch, Französisch und Italienisch, es wird gehandelt und gefeilscht – die Stadt an der Verbindung zwischen Brig und Mailand hat aber auch abseits des Markts viel zu bieten.

Weisse Spitzenvorhänge baumeln im Wind, auf dem Tisch liegen elegante Lederhandschuhe aus, niedliche Stofftiere schauen herüber. Einen Stand weiter stapeln sich Salume, Bresaole und frischer Käse, dahinter farbige Früchte, Nüsse und Gewürze. Die Piazza Mercato hat noch immer dieselbe Funktion wie vor Hunderten von Jahren: Sie bringt die Leute zusammen. Am Samstag reisen viele aus dem Wallis an: Ab Brig dauert die Fahrt nur gerade eine halbe Stunde und ab dem 9. Juli 2017 fährt der RegioExpress Lötschberger im Zwei-Stunden-Takt nach Domodossola. Am Rande des Geschehens sitzt Paolo Lampugnani entspannt in der Sonne und trinkt seinen vormittäglichen Cappuccino. «Das ist das Schöne an Domodossola: Unter der Woche ist es ruhig, am Samstag sehr lebhaft – frizzante, wie wir sagen!» Der Marktplatz gehört nicht wie in anderen Städten nur den Touristen, auch die Einheimischen kommen hier jeden Tag vorbei: «Die Piazza ist unser aller Wohnzimmer!», lacht der Präsident der 22 Museen im Ossolatal.

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    Florierende Stadt am Fuss des Monte Rosa

    Domodossola ist das Zentrum einer ganzen Region: DomusOssulae, Wohnsitz der Ossolaner, nannten schon die Römer die Stadt am Fuss der Alpen. Aus den Seitentälern und von den Alpen herunter strömen die Bauern zum Markt und bieten ihre Waren an. Domodossola liegt im Tal des Flusses Toce auf nur gerade 270 Metern über Meer und gleichzeitig am Fuss des über 4600 Meter hohen Monte-Rosa-Massivs. Dort, wo sich der Blick in den schmalen Gassen nach oben öffnet, sieht man sie, die hohen Berge. Neue Bed and Breakfasts öffnen die Türen, Läden finden neue Besitzer: Vermehrt ziehen heute junge Leute nach dem Studium in Mailand oder Turin wieder zurück nach Domodossola. Der Handel floriert, die Region hat kulturell viel zu bieten, der Lago Maggiore ist nicht weit. «Vor 35 Jahren war es hier noch sehr verschlafen», blickt Paolo Lampugnani zurück. «Damals habe ich mich geweigert, vom Lago Maggiore hierher zu ziehen. Jetzt ist es mein Lebensmittelpunkt.»

    Von der lebhaften Stimmung in den engen Gassen der Altstadt sind es nur ein paar Schritte in die kühlende Ruhe: Durch den kunstvollen Torbogen aus schwarzen und weissen Steinen betreten wir den Palazzo San Francesco. Das markante Gebäude erzählt eine lange Geschichte: Um 1300 als Kirche der Franziskaner-Mönche gebaut, wurde es nach der Erschliessung des Simplonpasses zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Napoleon zu einem Herrenhaus umgebaut. Heute dient der Raum im  Erdgeschoss als Museum für moderne Kunst. Er liegt dem Archäologen Lampugnani am Herzen: «Jetzt kommen die Original-Fresken an der Decke mit Skulpturen, Bildern und Installationen zeitgenössischer Künstler in Kontakt.» Insgesamt umfasst das Ossolatal 22 Museen, nur vier davon liegen in Domodossola. «Das zeigt, wie wichtig die Täler für uns sind», so der 59-Jährige. In der Region gibt es viel zu besichtigen: alte Mühlen, heilige Bauten, das Handwerk der Älpler – und das alles inmitten intakter Dorfkerne aus traditionellen Steinhäusern.

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      Arrivederci per Handkuss

      Wieder draussen in der Sonne schlendern wir durch die mit Naturpflastersteinen ausgelegten Gässchen. Schauen hier in ein altes Hutgeschäft, dort in einen Antiquitätenladen, beobachten durch das Schaufenster, wie frische Pasta hergestellt wird. Unser Begleiter zeigt uns Häuser aus dem Mittelalter, empfiehlt die beste Bar und verabschiedet sich mit einem Handkuss. Wir setzen uns auf einer Terrasse in den Schatten, bestellen einen Aperol Spritz und studieren die Speisekarte. Wir entscheiden uns für fein geschnittenen Prosciutto aus der Region mit Antipasti und dem typischen Pane nero aus Buchweizen sowie Penne mit Ricotta und Minze. Die Sonne wandert die farbigen Hausfassaden entlang, hinter gusseisernen Geländern pflegt eine alte Frau ihre üppigen Balkonpflanzen.

      Nach dem Espresso machen wir uns auf zum Monte Calvario. Der Weg aus der Stadt an den Fuss des Hügels ist mit Sonnensymbolen angezeichnet, in einer Viertelstunde stehen wir unten am Kreuzweg. Vögel zwitschern zwischen Feigen- und Kastanienbäumen, Eidechsen huschen über die Natursteinmauern. In fast jeder Kurve erwartet uns eine kleine Kapelle, bis wir die zwei grösseren Kapellen zu Jesu Tod und der Grablegung erreichen: Mit diesem Pilgerweg wollte die Bevölkerung den Kreuzweg Christi nachvollziehbar machen. 1656 wurden die Arbeiten aufgenommen, später kamen laufend mehr Bauten dazu. Heute gehört der Monte Calvario zusammen mit den anderen acht Sacri Monti in Norditalien zum Unesco-Weltkulturerbe.

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        Gute Aussicht auf Gelati

        Genau so beeindruckt wie von den Wandmalereien und der Gartenanlage sind wir aber von der Aussicht auf Stadt und Umgebung. Aus dem Häusermeer stechen die Kirchen in der Altstadt, das rechteckige Collegio Rosmini und die Bahngleise heraus. Im Hintergrund erahnen wir, wo das Tal zum Simplon abzweigt: dem Übergang, der Domodossola erst durch die Passstrasse und dann hundert Jahre später durch den 1906 eröffneten Bahntunnel einen grossen Aufschwung beschert hat.

        Als wir durch die Via Antonio Rosmini zurück in die Stadt spazieren, holen die Verkäufer die Kleider mit langen Stangen von den Vordächern ihrer Lastwagen. Innerhalb einer Stunde ist der Markt komplett verschwunden. Als wir auf die Piazza Mercato treten, trauen wir unseren Augen kaum: Weit erstreckt sich die Fläche, vor den Fassaden mit schmucken Glasfenstern und steinernen Balkonstützen fahren Kinder mit Fahrrädern über den Platz. Die Stimmung ist eine ganz andere als noch am Morgen – wenn auch nicht weniger schön. Bleibt nur noch zu entscheiden, in welchem der zahlreichen Cafés wir unsere Gelati geniessen.

         
        Text: Mia Hofmann

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          Bahnhof Domodossola

          Aussteigen möglich seit: 8. September 1888, aus Richtung Schweiz seit 1906; mit der BLS täglich zehn Gelegenheiten, samstags und sonntags je sieben
          Region: Piemont, Italien
          Provinz: Verbano-Cusio-Ossola
          Höhe über Meer: 270,1 m
          Nächste Anschlüsse: Centovalli-Bahn nach Locarno, Buslinien in die Seitentäler, Velorouten, Wanderwege
          Nachtnetz: nein
          Aussteigen mit dem Rollstuhl: nein
          Persönliche Beratung: ja, beim BLS-Reisebegleiter im RegioExpress Lötschberger

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