«Bye-bye Bruneli»: Abschied einer legendären Lokomotive
Rund 60 Jahre nach ihrer Einführung verlässt eine legendäre BLS-Lokomotive die Bühne beziehungsweise die Lötschberg-Rampen. Die als «Bruneli» bekannte Lok der BLS beförderte über Jahrzehnte Personen- und Güterzüge über das Netz und war zuletzt für den Autoverlad im Einsatz. Eine Geschichte über regionale Verbundenheit, Bewährungsproben und technische Innovation.
Von Colin Cuvit
am 19.07.2026
Wenn eine Wandergruppe in der aktuellen Sommerhitze einen modernen Triebzug fast lautlos über die Lötschberg-Rampen gleiten sieht, wirkt dies wie die einfachste Sache der Welt. Als die BLS 1962 die erste Re425 bestellte, war diese Aufgabe ungleich schwieriger zu bewältigen. Teilweise steigt die Strecke am Lötschberg 27 Meter pro Kilometer. Eine 600 Tonnen schwere Zugskomposition den Berg hochzuwuchten war daher in den Sechzigern eine besondere Herausforderung.
Technische Innovation für mehr Effizienz am Berg
Während in dieser Zeit auch das «Space Race» zwischen den USA und der Sowjetunion im Gange war, bedurfte es auch bezüglich der Eisenbahn technischer Innovationen, um insbesondere den Herausforderungen am Berg gerecht zu werden.
So markierte die noch als Ae 4/4 eingeführte Lokomotive einen Technologiesprung. Die damals neu eingeführte Gleichrichtertechnik – Wechselstrom aus der Fahrleitung wird in Gleichstrom für Fahrmotoren umgewandelt – bedeutete einen grossen Fortschritt. Die Lokomotiven wurden leistungsfähiger, konnten schwere Züge besser beschleunigen und eigneten sich ideal für die anspruchsvollen Steigungen am Lötschberg.
Letzte Fahrt am 27. Juli 2026
Die letzte Fahrt der Re425 findet vormittags am 27. Juli 2026 statt. Um ca. 08.30 ist eine letzte Runde mit dem Autopendel nach Goppenstein und retourgeplant, bevor der Zug nach Bönigen in die Werkstätte fährt. Eine gute Gelegenheit für Trainspotting-Fotos entlang der Strecke.
Auch eine sogenannte Tiefzugvorrichtung war Zeichen der innovativen BLS-Loks. Damit wurden Achslasten beim Anfahren auf Steigungen optimal verteilt und die Haftung zwischen den Rädern und der Schiene verbessert. Insgesamt war der braune Riese damit für seine Aufgaben am Lötschberg bestens gerüstet und Fachleute sowie Fans diskutieren noch heute begeistert die verschiedensten technischen Raffinessen der «Brunelis».
Wappenträger für die gesamte Region
Die Re425 war jedoch nicht nur eine «Bergsteigerin», sondern absolvierte im Lauf der Jahrzehnte auf unterschiedlichen Strecken ihre Einsätze. Reisende im gesamten BLS-Netz gewöhnten sich über Jahrzehnte an ihren Anblick. Ausdruck dieser regionalen Verbundenheit waren zudem die zahlreichen Gemeindewappen, mit denen die Loks ab Ende der Achtzigerjahre versehen wurden. Von «Aeschi» über «Frutigen» und «Neuchâtel» bis hin zu «Zweisimmen» gab es 35 Loks mit Gemeindewappen.
Ende der Neunzigerjahre veränderte sich dann die Nutzung der «Brunelis» grundlegend. Neue Züge – insbesondere die mittlerweile auch bereits ausrangierten EW IV-Modelle mit anderen SBB- und BLS-Loks – lösten die Re425 im Personenverkehr ab. Fortan wurde die Lok im Güterverkehr und Autoverlad eingesetzt. Die 2001 gegründete Tochtergesellschaft BLS Cargo übernahm gleich 20 Loks und nutzte sie fast zwanzig weitere Jahre.
Eine letzte Runde am Lötschberg
In den letzten Jahren schloss sich dann der Kreis. Das «Bruneli» war ja bereits zum Lötschberg zurückgekehrt. 2021 endete aber auch die «Karriere» im Schweizer Güterverkehr und die Lok wurde nun ausschliesslich noch für den Autoverlad zwischen Kandersteg und Goppenstein sowie zwischen Brig und Iselle eingesetzt. Stimmig also, dass auch die geplante letzte Fahrt am 27. Juli zwischen Kandersteg und Goppenstein retour stattfindet. Danach rollt das letzte «Bruneli» in den wohlverdienten Ruhestand in die Werkstätte in Bönigen. Und wer weiss, vielleicht kreuzt es dabei den modernen MIKA und ein paar Wandergruppen werden ihr zum Abschied winken.
Unterstützung für den Beitrag durch: Patrick Belloncle, BLS Historic
Bewährungsproben: Zwischenfälle mit den Re425
Während der langen Betriebszeit waren die Re425 auch in Unfälle verwickelt. Besonders schwerwiegend war ein Unfall 1978. Da stürzte die Re 4/4 Nr. 183 nach einer Kollision mit einem Lawinenkegel bei der Jolibach-Brücke rund 20 Meter in die Tiefe. Während die Lokomotive unten im Graben landete, blieben die zwei Wagen an der Brückenbrüstung hängen. Beim Unfall waren mehrere Verletzte darunter der Lokführer zu beklagen. Trotz erheblicher Schäden wurde die Lok wieder aufgebaut und blieb die nächsten fast 40 Jahre bis 2025 unfallfrei im Einsatz.
Gleich vier Re425 wurden bei einem Unfall 2007 in Biel Mett beschädigt. Die jeweils mit zwei Loks ausgestatteten Güterzüge prallten nach einem Fahrfehler auf einer Doppelkreuzungsweiche frontal ineinander. Einer der Lokführer verletzte sich leicht und eine Lok musste danach verschrottet werden, die anderen drei wurden instandgesetzt.